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META: Generic Voices of Sensibility in Margareta Klopstock’s Epistolary and Literary Work

Jede Korrektur des literarischen Kanons bedeutet ein Risiko, weil sie gute Gründe dafür anbieten muss, festgefügte Ordnungen neu zu auszurichten. Eben dieses Risiko geht das Projekt ein. Es zielt darauf ab, die Position von Margareta Klopstock, geborene Moller (1728-1758), im literarischen Netzwerk der Jahrhundertmitte erstmals überhaupt zu bestimmen. Das Korpus ihrer Texte umfasst einen bereits in den 1960er Jahren edierten Briefwechsel mit wichtigen Zeitgenossen wie Johann Jakob Bodmer, Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Johann Adolf Schlegel, Christoph Martin Wieland, selbst Samuel Richardson, aber vor allem mit ihrem Verlobten und seit 1754 Ehemann Friedrich Gottlieb Klopstock. Die Briefe zeichnen sich durch die besonders ‹natürliche› Stimme ihrer Schreiberin aus, die noch dazu den gebildeten ‹Witz› des Rokoko besitzt. Seit langem steht die Rhetorik einer solchen ‹Herzenssprache›, der u.a. diese Briefe als Vorbild dient, im Zentrum der Erforschung der europäischen Diskursformation zwischen 1740 und 1760.  Doch wenn M. Klopstock ihre Stimme erhebt und das Wort ergreift, dann figuriert sie in ihren bisher weitgehend unbeachteten literarischen Texten kein passives, weibliches, gefühlvolles Echo einer aktiven, männlichen, rationalen Stimme der Vernunft, sondern eine virtuose Polyphonie. Die Stimmen dieser Texte hängen von den Gattungen ab, mit denen sie experimentiert, z.B. die Stimme des toten Ehemanns, den M. Klopstock in den «Briefen von Verstorbenen an Lebendige» (1757) an sich selbst, alias Cidli, schreiben lässt, von Elizabeth Rowes oder Wielands fiktiven Briefen aus dem Jenseits. Mit solchen für M. Klopstock charakteristischen stimmgebenden Praktiken steht eine grundsätzliche Neubewertung des Zusammenhangs von Fiktionalität und Faktualität für die Diskursformation der Empfindsamkeit an. Sowohl im Hinblick auf die Dialoge in den Briefwechseln als auch auf die Dialogizität der literarischen Texte haben ontologische Grenzen keine Gültigkeit. In mühelosen Metalepsen werden sie vor allem durch die Namen ‹Meta› und ‹Cidli›, aber auch durch mythologische und literarische Maskierungen (pesonae) übersprungen. Diese Metalepsen eröffnen M. Klopstock ein kreatives «Möglichkeitsfeld» (Umberto Eco) und prägen die Logik ihrer Dichtung. Das Projekt hat zwei übergeordnete Forschungsziele, welche seine Relevanz deutlich machen: Einerseits geht es darum, der Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts eine Autorin von potenziellem Weltruhm hinzuzufügen, die 1758 im Alter von dreißig Jahren im Kindbett gestorben ist. Auf dieser historischen Grundlage kann andererseits gezeigt werden, dass M. Klopstocks Rolle nicht in derjenigen der ‹großen Liebe› ihres berühmten Ehemannes aufgeht: Die Art und Weise, in der sie in ihren Gattungsexperimenten Stimmen der Empfindsamkeit codiert, zwingt dazu das Konzept männlicher «Werkherrschaft»  (Steffen Martus) in der mittleren Aufklärung  zu korrigieren. Gleichzeitig tritt mit dieser Codierung die ontologische Struktur der Diskursformation selbst in Erscheinung. Für das Verständnis der Entwicklung neuer Ausdrucksformen in der Literatur der 1760er und 1770er Jahren wird M. Klopstock deshalb zu einer Schlüsselfigur.