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Könnte ich bitte eventuell ganz kurz mal?

Wie verändert sich Höflichkeit in der Kommunikation? Ein Interview mit dem Linguisten Henrik Discher von der Freien Universität Berlin

09.06.2026

„Sie“ oder „Du“? Nicht immer entscheidet die Anrede über Höflichkeit.

„Sie“ oder „Du“? Nicht immer entscheidet die Anrede über Höflichkeit.
Bildquelle: Henrik Discher

Sprechen wir alle dasselbe Deutsch? Theoretisch ja, denn die grammatischen Regeln gelten für alle – doch wie wir im Alltag kommunizieren, eine Bitte formulieren oder eine Beschwerde vorbringen, unterscheidet sich von Region zu Region, von Generation zu Generation. Ob und wie solche kommunikativen Muster zwischen Ländern, Regionen oder Altersgruppen variieren – und welche verbreiteten Stereotype sich empirisch bestätigen lassen oder eben nicht –, das untersucht das internationale Forschungsprojekt Variantenpragmatik des Deutschen: Kommunikative Muster im Vergleich. Es wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) und dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert.

Henrik Discher forscht als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin im Projekt VariPrag. Im Gespräch erklärt er, was Variantenpragmatik bedeutet, warum es einen Unterschied macht, ob man in Hamburg oder Wien um etwas bittet – und was die Forschung über uns als Sprachgemeinschaft verrät.

Herr Discher, was hat Sie zur Variantenpragmatik geführt?

Mein Weg in die Sprachwissenschaft war eher zufällig. Eigentlich hat mich die Literatur zum Studium der Germanistik geführt. Aber schon im ersten Semester habe ich gemerkt, dass mich die Linguistik mehr fasziniert. Nach meinem linguistischen Master an der Humboldt-Universität hat mich das Forschungsprojekt wieder zurück zur Freien Universität Berlin und damit zur Variantenpragmatik geführt.

Linguist Henrik Discher: „Junge Menschen sind gar nicht unhöflich“.

Linguist Henrik Discher: „Junge Menschen sind gar nicht unhöflich“.
Bildquelle: Lorenz Brandtner

Was fasziniert Sie persönlich daran, wie Menschen in verschiedenen Regionen kommunizieren?

Es gibt im deutschsprachigen Raum sehr viele Stereotype, die sich auf die Sprache beziehen. Zum Beispiel gibt es in der Schweiz das weit verbreitete Vorurteil, dass Deutsche sehr direkt und eher unhöflich sind. Das ist auch ein präsentes Thema in Ratgebern und Reiseführern. Bisher gibt es jedoch keine überzeugenden empirischen Belege dafür, dass Menschen in Deutschland unhöflicher sprechen als in Österreich oder der Schweiz.

Hinzu kommt: Regionale Variation von kommunikativen Mustern lässt sich nicht losgelöst von anderen Faktoren wie Alter oder Geschlecht betrachten. Genau solche Stereotype versuchen wir in unserer Forschung empirisch zu überprüfen und berücksichtigen dabei auch diese Faktoren.

Was genau meinen Sie mit „kommunikativen Mustern“?

Höflichkeit nach Region zu untersuchen, ist gar nicht so einfach. Höflichkeit beschränkt sich nicht auf Siezen und bitte/danke. Das sind klassische sprachliche Muster, die auch Laien leicht identifizieren können. Es gibt aber noch viele weitere Wege, Höflichkeit auszudrücken – zum Bespiel durch Indirektheit oder die Formulierung von Fragen. Diese Muster sind prinzipiell überregional, unterscheiden sich aber im Detail.

So zeigt sich ein Nord-Süd-Gefälle: Im Süden des deutschsprachigen Raums beobachten wir tendenziell eine Zunahme von Höflichkeitsfeatures im Vergleich zum Norden – auch in Kombinationen. Also zum Beispiel: „Könnte ich bitte eventuell ganz kurz mal?“

Wie gehen Sie methodisch vor?

Wir haben primär mit Online-Fragebögen gearbeitet, bei denen die befragten Personen aufschreiben sollten, wie sie in einer bestimmten Situation sprachlich reagieren bzw. agieren würden. Das hat den Vorteil, dass wir in allen drei Ländern, Deutschland, Österreich und der Schweiz, relativ viele Personen in kurzer Zeit erreichen konnten. Der auffällige Nachteil ist natürlich, dass wir so mündliche sprachliche Reaktionen schriftlich einholen. Das widerspricht sich auf den ersten Blick, ist aber eine geübte Praxis in der linguistischen Analyse und hat sich bewährt.

Screenshot aus einem Fragebogen zum Thema Höflichkeit.

Screenshot aus einem Fragebogen zum Thema Höflichkeit.
Bildquelle: Henrik Discher 

Welches Ergebnis hat Sie bisher besonders überrascht?

Ein spannendes Ergebnis war, dass jüngere Teilnehmende signifikant weniger Höflichkeitsmarker wie bitte benutzen. Das greift natürlich bekannte Stereotype der angeblich immer unhöflicheren Jugend auf. Tatsächlich zeigt unsere Forschung aber, dass jüngere Sprecher*innen eher andere Höflichkeitsmuster verwenden. Sie verwenden eher Elemente wie „vielleicht“, „eventuell“ oder „kurz“. Diese sprachlichen Elemente überlassen den Zuhörer*innen mehr Spielraum – ob und wie sie auf eine Bitte eingehen, bleibt ihnen überlassen. Dies zeigt nochmal, wie stetige sprachliche Veränderung im Kleinen funktioniert und das länderübergreifend.

Warum ist es wichtig zu verstehen, wie sich Höflichkeit sprachlich in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat?

Sprache ist kein feststehendes Konstrukt. Das Deutsche verändert sich laufend. Wir alle verwenden Sprache ständig. Ohne Sprache funktioniert Gesellschaft nicht. Es ist wichtig, Stereotype empirisch zu untersuchen und aufzuzeigen, was nachweisbar ist und was nicht. Oder welches Stereotyp schlicht falsch ist.

Belegen Ihre Ergebnisse damit einen größeren sprachlichen Wandel im Standarddeutschen?

Sprache verändert sich laufend, das ist völlig normal. Es ist zu erwarten, dass sich Generationen in ihrer Sprechweise unterscheiden. Mir ist wichtig, Stereotype über Sprache mit empirischen Daten zu überprüfen. Ich möchte nicht urteilen, was höflich ist, sondern zum Nachdenken anregen. Es ist sicher kein großer sprachlicher Wandel, sondern der normale sprachliche Wandel, den es schon immer in der deutschen Sprache gab.

Wie geht es mit dem Projekt weiter?

Das Projekt nähert sich seinem Ende. Wir werten aktuell die Daten statistisch aus und arbeiten die Ergebnisse auf. Das Ziel sind zwei Dissertationen – meine und die einer Kollegin – sowie Fachartikel. Mein Traum wäre es, dass diese Erkenntnisse auch außerhalb der Fachcommunity wahrgenommen werden. Höflichkeit beschäftigt uns alle im Alltag, etwa beim Schreiben von E-Mails oder beim Brötchenkauf. Wir möchten als Wissenschaftler*innen ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wir Sprache ganz bewusst nutzen können.

Das ist ein Thema für die breite Masse.

Ja, unbedingt. Auch wenn das Ergebnis „Junge Menschen sind gar nicht unhöflich“ vielleicht weniger „sexy“ für die Medien ist, ist es doch ein hochaktuelles Alltagsthema. Wir werden das sicher noch einmal aufgreifen, wenn die Ergebnisse final vorliegen. Unsere Ergebnisse zeigen deutlich, dass es sprachliche Variation gibt, die sowohl vom Faktor Alter, als auch vom Faktor Region abhängig ist.

Die Fragen stellte Sotirios Agrofylax

Weitere Informationen

Schauen Sie auch in die jüngste Ausgabe des FU-Newsletters et al. 02/2026: Ja. Aber. Die Welt steckt voller Widersprüche. Und dort in die Rubrik Was ist das denn? Henrik Discher löst das Bilderrätsel auf.