Hallo, Nachtschwärmer
VR-Brillen gegen Depression, ein Foto-Projekt gegen das Vergessen, schwebende Eltern gegen die Schwerkraft und mehr: So war die Lange Nacht der Wissenschaften 2026 an der Freien Universität Berlin
08.06.2026
Noch Spielerei, bald vielleicht Teil der Lehre: Am Sandkasten am Stand der Sedimentologie (Institut für Geologische Wissenschaften) werden beim Buddeln in Echtzeit die Höhenunterschiede berechnet.
Bildquelle: Michael Fahrig
Mit mehr als 200 Angeboten gaben Wissenschaftler*innen der Freien Universität Berlin in der klügsten Nacht des Jahres am 6. Juni 2026 spannende und überraschende Einblicke in ihre Forschung. Mitmach-Experimente, Vorträge und Ausstellungen lockten Besucher*innen aller Altersgruppen auf den Dahlemer Campus und sorgten den ganzen Abend lang für unvergessliche Erlebnisse.
Elli stapelt Monster. Mit energischen Armbewegungen schwingt sie die Controller in ihrer Hand nach vorn, nach links, nach oben. Auf ihrem Kopf hat die Elfjährige eine VR-Brille, durch die sie nicht nur die freundlichen Monster sieht, sondern einen ganzen virtuelle Raum, den sie nach ihren Ideen gestalten darf. Die Elfjährige aus Potsdam ist mit ihrer Mutter zur Langen Nacht der Wissenschaften an die Freie Universität gekommen, um wie 7500 weitere Besucher*innen für einen Abend mit mehr als 200 Angeboten in die Welt der Forschung einzutauchen, zu experimentieren und zu staunen.
Kinder stark machen: Elli (11) erschafft sich virtuell einen eigenen Raum.
Bildquelle: Michael Fahrig
Als Elli die VR-Brille abnimmt, strahlt sie übers ganze Gesicht. „Das war richtig cool“, sagt sie begeistert. Die Anwendung trägt den Namen STARK („Spielerische Therapieunterstützung mit adaptivem Realitätsgrad für Kinder“), denn genau das soll sie: Kinder stark machen. Entwickelt wurde STARK am Arbeitsbereich Klinische Kinder- und Jugendpsychologie und -psychotherapie des Fachbereichs Erziehungswissenschaft und Psychologie, mit dem Ziel, Kindern mit Depressionen bereits während der oft langen Wartezeit auf einen Therapieplatz unterstützen zu können.
Das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderte Projekt entstand in Kooperation mit der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie der Bergischen Universität Wuppertal. Frühestens im Winter wird es an der Hochschulambulanz erstmals zum Einsatz kommen. Dass bereits die an diesem Abend erlebbare Basisversion Kinder anspricht, wird schnell deutlich: An der Tür hat sich schon eine Schlange gebildet, so viele Kinder wollen das virtuelle Erlebnis ausprobieren.
Im Raum nebenan hat Alina Bothe auf einem Tisch historische Fotos aus dem Jahr 1942 ausgebreitet, die eine Deportation ins Warschauer Ghetto zeigen. Die Rückseiten sind teilweise beschriftet: „Auch sie kamen nicht wieder“, steht auf einem. Ein anderes listet die Namen der Menschen auf, die vor einer Backsteinfassade stehen. „Eine Zwangsaufstellung nennt man das“, erklärt Alina Bothe, promovierte Historikerin, den Besucher*innen, die um den Tisch sitzen. „Hinter der Mauer ist eine Gaskammer, und der Polizist, der das Foto gemacht hat, wusste das.“ Schlucken. Schweigen.
Andere Fotos zeigen dieselben Orte heute, 84 Jahre später: Halberstadt und Brandenburg an der Havel. „Wir haben mittlerweile Deportationsfotos aus 70 Orten zusammengetragen“, sagt Alina Bothe. „Aus Berlin haben wir aber noch kein einziges, obwohl es allein hier 200 Deportationen gegeben hat und wir von Zeitzeugen wissen, dass diese auch in Berlin fotografiert wurden.“
Die Bilder sind Teil des internationalen Projekts #LastSeen, das Fotos von Deportationen im Nationalsozialismus sammelt und digital zugänglich macht. Der daraus entstandene Bildatlas hat bereits zahlreiche Auszeichnungen gewonnen, darunter den Grimme Online Award 2024. Alina Bothe ist sich sicher: „Es gibt noch Familienalben, in denen Deportationen aus Berlin abgebildet sind.“ Ein Besucher ist an diesem Abend tatsächlich mit alten Fotoalben zur Langen Nacht der Wissenschaften gekommen. Alina Bothe und ihr Team werden die Bilder nun auswerten.
Hoch die Hände: Greta und Onno erforschen die Geheimnisse der Höhlenmalerei.
Bildquelle: Michael Fahrig
Vor der Holzlaube hat das Institut für Prähistorische Archäologie einen langen Tisch aufgebaut. Der fünfjährige Onno und seine achtjährige Schwester Greta probieren hier aus, wie in der Steinzeit Farben gemischt und diese an Höhlenwände gemalt wurden. Beiden reicht die rußig-schwarze Farbe bis über die Ellenbogen.
„Eine tolle Station“, findet Greta. Für Onno war das Highlight des Abends aber ein anderes: „Bei den Geologen konnte ich echte Meteoriten anfassen“, schwärmt er. Mehr Zeit für ein Gespräch haben die beiden dann aber nicht. Bevor es mit Mama und Oma nach Hause geht, wollen sie dringend noch mehr Abdrücke auf ihr Papier stempeln.
Das Café Geisteswissenschaften lud zum ungezwungenen Austausch mit Wissenschaftler*innen.
Bildquelle: Michael Fahrig
Viel Zeit für Gespräche haben indes die Besucher*innen des Cafés Geisteswissenschaften, das vom Dahlem Humanities Center ausgerichtet wird. Im Theaterhof der Rostlaube sitzen den ganzen Abend unterschiedliche Wissenschaftler*innen bei Gebäck, Kaffee und Wasser und laden zum Austausch – informell an Bier- und Cafétischen.
Wer möchte, setzt sich dazu, diskutiert mit oder hört einfach zu. Im Laufe des Abends wurden hier schon die FU-Geschichte, palästinensische Dichter*innen, koreanische Popkultur und der Zusammenhang von KI und Rhetorik besprochen. Es ging um jüdische Geschichte, um Intelligenz als Infrastruktur, Abstand in der Mediengegenwart und die Frage, warum Denken gefährlich ist.
An einem der Tische sitzt nun Ferdinand von Mengden, Professor für Linguistik am Institut für Englische Philologie, und lädt Besucher*innen ein, mit ihm über Sprachbiografien zu reden. „Das Café-Konzept ist sehr flexibel und macht es leichter, sich dazu zu gesellen“, sagt Ferdinand von Mengden. Nach seiner Erfahrung sei die Hemmschwelle vieler Besucher*innen groß, in einen Vortrag hineinzuschnuppern, sich dort zu Wort zu melden oder auch einfach mittendrin hinauszugehen. Hier klappe das besser. „Casual“, nennt er es: lässig, ungezwungen.
Tatsächlich kommen während des Gesprächs immer mehr Besucher*innen an den Tisch, bestellen Getränke und holen weitere Stühle dazu. In ihrer Familie werde eine ganz eigene Mischung aus Deutsch und Türkisch gesprochen, erzählt eine Schülerin. Ein Mann berichtet, wie er seine Kinder zweisprachig großzieht, allerdings nicht in seiner eigentlichen Muttersprache – und überhaupt sei für ihn das Konzept der Muttersprache fragwürdig, denn seine erste, als Kleinkind erlernte Sprache beherrsche er als Erwachsener nun kaum noch.
Am Tisch gegenüber sitzt Eliese-Sophia Lincke, Juniorprofessorin am Institut für Computational Ancient Studies am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften. Ihre Frage des Abends: (Wann) Können Computer Hieroglyphen lesen? „Ist aus Ihrer Sicht vorherzusehen, welches Programm sich durchsetzen wird?“, fragt sie zwei Informatiker, die ihr gegenübersitzen. Das sei schwierig, antwortet einer. Eine Frau am Kopf des Tisches berichtet von einem Programm, das sich in ihrem Studium als unbrauchbar erwiesen habe, weil es nicht kompatibel mit anderen gängigen Anwendungen gewesen sei. Unterdessen steht ein Zuhörer auf, ein anderer setzt sich mit seinem Kaffee dazu. Casual.
Zwischen Arnimallee und Takustraße nutzt der Fachbereich Physik den Abend zum Feiern. Wummernde Bässe, Luftballons und ein Grill begrüßen hier die Besucher*innen. Vor dem Gebäude zieht der vierjährige Pablo gerade seinem Vater im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen weg: Dank einer Seilwinde, die an einem der Straßenbäume hängt, kann der Junge seinen vor Stolz lächelnden Papa aus eigener Kraft schweben lassen. Allerdings nur kurz, denn die Familie möchte ja unbedingt noch mehr Stationen entdecken – und Stempel sammeln. Die können die Kinder in der Physik an diesem Abend an besonderen Stationen bekommen.
Wider die Schwerkraft: Benjamin bestaunt einen im Magnetfeld fliegenden Metallring.
Bildquelle: Michael Fahrig
An einer dieser Stationen geht es ebenfalls hoch her. Der zehnjährige Benjamin aus Charlottenburg lässt an einem kleinen Tisch im Flur Metallringe mithilfe eines Magnetfelds fliegen. Einer schwebt auf der Stelle, ein anderer schießt hoch bis über die Köpfe der Besucher*innen. Immer mehr bleiben stehen und schauen zu. Während Benjamin experimentiert, zeigt seine Mutter auf dem Handy ein Video, das sie nebenan am Institut für Chemie und Biochemie aufgenommen hat: Benjamin mit Schutzbrille und weißem Laborkittel, auf seiner Hand eine Stichflamme. „Das war für uns auch richtig faszinierend“, sagt sie. „Es ist wirklich toll, was hier für die Kinder alles möglich gemacht wird.“
Einen Stand weiter fällt ein grüner Magnet durch ein Kupferrohr, allerdings ganz langsam. Das wiederum begeistert Rolf Pape und seine Frau ganz besonders. Immer wieder lässt das Ehepaar aus Zehlendorf den Magneten ins Rohr schweben und schaut fasziniert hinterher. „Guck doch mal, wie schön das ist!“, schwärmt Rolf Pape. „Am liebsten würde ich das mit nach Hause nehmen.“
Am Stand der „Women in Quantum Tech“ gibt es zwar keinen Stempel, aber kleine Preise. Lieselotte aus Wannsee entscheidet sich für einen Schreibblock. Die kniffligen Fragen aus Chemie und Physik sind für die Zehnjährige kein Problem. Sie weiß, was ein Voltmeter misst, wie viele Elemente im Periodensystem stehen und welches davon an erster Stelle. Auch die Temperatur der Sonne kann sie benennen, ohne zu überlegen. „Ich habe gerade erst ein Referat dazu gehalten“, sagt sie gelassen.
Jihan kennt sich ebenfalls gut mit Physik aus. Gerade hat der Elfjährige Lichtwellen durch eine spezielle Brille beobachtet. Besonders gefalle ihm aber die Relativitätstheorie. „Eines Tages werde ich als Physiker den Weltraum erforschen“, sagt Jihan. Deshalb sei die Lange Nacht der Wissenschaften schon jetzt genau das Richtige für ihn.
Ob die eigene Sonnebrille ausreichend vor UV-Strahlung schützt, konnten Besucher*innen am Institut für Pharmazie mit einem UV-Spektrometer messen. Auch zu Blutgruppen, Koffein-Konsum, Arznei-Tees und Doping-Analysen gaben Forschende und angehenden Apotheker*innen Auskunft. Das Institut für Biologie bot eine Kinder-Rallye mit Fragen wie: Welche Tiere leben in und an Berliner Teichen? Gibt es auf blühenden Wiesen mehr Insekten als auf gemähten Wiesen? Mit dem fotografischen Verfahren der Cyanotypie konnte man den Umriss von gepressten Pflanzen auf ein blaues Papier bannen und das so entstandene Kunstwerk mit nach Hause nehmen.
In der Fabeckstraße 34/36 erklärten Studierende des Kurses Wissenschaftskommunikation mit kreativen Mitteln wie KI, 3D-Rendering und Brett- und Kartenspielen die Grundkonzepte der Biochemie. Nebenan im Mitmachlabor NatLab waren neue Experimente und beliebte Klassiker dabei: Brennstoffzellen verstehen, Methan-Mamba bändigen, Schleim und Seife herstellen, Raupen untersuchen.
Der Andrang war riesig, die Stimmung aufgekratzt. „Bitte, bitte – nur noch einmal das Auto umbauen!“, mussten sich Eltern etwa im Raum von TuWas! (Technik und Naturwissenschaften an Schulen) anhören: Hobby-Konstrukteur*innen konnten dort aus Bauteilen und Rädern Fahrzeuge mit unterschiedlichsten Formen zusammenbasteln und eine Rampe hinunterrollen lassen. Drei, sechs und sogar neun Meter Strecke wurden gemessen. Der Trick: möglichst schwer und möglichst wenig Reibungsfläche, die den Boden berührt.
Erhellend: Die Illuminationen des Lichtkünstlers Peter Grotz strahlen zum Langen Nacht der Wissenschaften überall auf dem Campus.
Bildquelle: Michael Fahrig
Als draußen bereits die Nacht hereinbricht, leeren sich die Gänge, die ersten Stände werden abgebaut. In der Arnimallee, auf der Wiese vor der Holzlaube und am Haupteingang leuchten nun die vom Tübinger Lichtkünstler Peter Grotz entworfenen Installationen besonders hell. Er selbst steht auf dem Mittelstreifen der Habelschwerdter Allee und schaut lächelnd auf die leuchtenden Dornen und Zacken, die den Eingang säumen. „Immer wieder schön“, sagt er.



































