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„Wir wollen auch vor der Versuchung schützen, sich selbst gesundheitlich massiv zu schaden“

6. bis 22. Februar: 25. Olympische Winterspiele in Italien – Interview mit der Pharmazieprofessorin Maria Kristina Parr, die vor Ort die Vorbereitungen zur Analyse der Doping-Proben unterstützt

14.01.2026

Anti-Doping-Expertin Maria Parr im Labor: Mit Methoden der Chromatographie und Massenspektronomie analysieren moderne Geräte mehrere Hundert Urinproben auf Rückstände von Doping-Mitteln.

Anti-Doping-Expertin Maria Parr im Labor: Mit Methoden der Chromatographie und Massenspektronomie analysieren moderne Geräte mehrere Hundert Urinproben auf Rückstände von Doping-Mitteln.
Bildquelle: Bernhard Wüst

Ist eine Schmerztablette vor dem Wettkampf schon Doping? Welche Substanzen dürfen Sportler*innen im Training einnehmen, welche im Wettkampf? Welche Probleme stellen sich speziell für Wintersportler*innen? Seit ihrer Promotion beschäftigt sich Maria Kristina Parr, die in ihrer Jugend selbst intensiv für Schwimmwettkämpfe trainierte, mit dem Thema Anti-Doping. Längst ist sie eine renommierte und gefragte Expertin auf dem Gebiet. In Kürze reist sie nach Rom, wo sie vom 19. Januar an im Doping-Kontroll-Labor zur Vorbereitung der Olympischen Spiele arbeiten wird.

Frau Parr, Sie sind Professorin für Pharmazeutische Chemie mit dem Schwerpunkt Analytik und Metabolismus an der Freien Universität Berlin. Wie kam es zur Einladung nach Rom?

Ich kenne das Labor, das eines von weltweit rund 30 akkreditierten Doping-Kontroll-Laboren ist, schon lange. Wir kooperieren in zahlreichen Forschungsprojekten seit vielen Jahren. Die dadurch gewachsene Vertrauensbasis hat dann zu der Einladung geführt das Labor bei den Vorbereitungen der Olympischen Spiele zu unterstützen.

Bei solchen Sport-Großereignissen müssen in kurzer Zeit sehr viele Proben analysiert werden. Um das Labor dabei zu unterstützten werden auch externe Experten eingeladen.

Was wird Ihre konkrete Aufgabe in Rom sein?

Das Labor ist mit dem „Geschäft“ ja bestens vertraut. Doch für Olympische Spiele wird immer zusätzliches Personal benötigt, das speziell geschult werden muss. Ich bin eingeladen, im Vorfeld der Spiele darauf einen „externen Feinblick“ zu werfen. Während der Spiele kommen dann weitere Externe dazu. Da bin ich dann aber schon wieder zurück in Berlin.

Wird jeder Olympiateilnehmer, jede -teilnehmerin regelmäßig getestet werden?

Generell werden Spitzensportler*innen regelmäßig innerhalb und außerhalb von Wettkämpfen getestet. Speziell vor Olympischen Spielen liegt natürlich ein Fokus der Internationalen Dopingkontrolle auf den dort antretenden Athleten. Während der Olympischen Spiele in Mailand und Cortina selbst sind dann nochmal etwa 3.000 Proben vorgesehen.

Getestet wird von der Öffnung des Olympischen Dorfes an – also etwa eine Woche vor der Eröffnungsfeier – bis zum Ende der Spiele. Die Proben gehen pseudonymisiert ins Labor mit nur wenigen Angaben. Etwa, ob es sich um die Probe einer Frau oder eines Mannes handelt, wegen der unterschiedlichen Steroidprofile.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema Anti-Doping?

Seit meiner externen Promotion im Doping-Kontroll-Labor an der Sporthochschule Köln. Währenddessen kam ich auch schon in Kontakt zu den anderen WADA-akkreditierten Laboren. Danach habe ich weiter auf dem Gebiet geforscht, habe die Abteilung für Nahrungsergänzungsmittel-Analytik aufgebaut und Projekte zur Metabolisierung von Dopingsubstanzen und deren Analytik durchgeführt.

Sie wurden 2012 an die Freie Universität berufen. Hat Ihre Forschung dort auch mit Anti-Doping zu tun?

Ja, gemeinsam mit anderen Laboren entwickeln wir bioanalytische Methoden für die Antidopingwelt weiter. Etwa mithilfe der SFC, einem umweltfreundlichen chromatographischen Verfahren, bei dem als Teil der mobilen Phase überkritisches CO2 eingesetzt wird: ein vierter Aggregatzustand – mit Eigenschaften zwischen Gas und Flüssigkeit –, der entsteht, wenn Kohlendioxid bei bestimmtem Druck über eine kritische Temperatur erhitzt wird.

Überkritisches CO2 wird unter anderem für die Entcoffeinierung von Kaffeebohnen verwendet. Mit der SFC und anderen Analysenmethoden sehen wir uns dann zum Beispiel an, was in dem Becherchen, in das der Sportler gepinkelt hat, noch von der Ibuprofentablette vom Wirkstoff und seinen Metaboliten zu finden sind.

Wo fängt Doping an? Wenn man nach hartem Training eine „Ibu“ nimmt, um den Muskelkater zu verhindern?

Da gibt es mehrere Ebenen. Die Regularien besagen: Doping ist die Anwendung von verbotenen Substanzen und Methoden. Greifbarer wird dies durch die Liste der „World Anti Doping Agency“, kurz WADA. Sie enthält zehn Rubriken, in denen mehrere Hundert Substanzen stehen. Angefangen bei Klasse S0, die alle Substanzen umfasst, die sich noch in der klinischen Forschung befinden und nicht zugelassen sind, über Anabolika, Peptidhormone und Wachstumsfaktoren, zu denen Erythropoetin (EPO) ebenso gehört wie Insulin. Letzteres dürfen nur Diabetiker*innen mit Ausnahmegenehmigung nehmen. Zu Gruppe 4, den Beta-2-Agonisten, gehören Asthmasprays, die die Bronchien erweitern. Hier ist die Grenze zwischen Therapie und Doping schon sehr schmal.

Warum?

Vor Jahren war ich mal auf einem Symposium mit dem Rennrodler Schorsch Hackel. Sportler*innen haben ein erhöhtes Risiko, eine spezielle Asthmaform, das sogenannte belastungsinduzierte Asthma, zu entwickeln. Andererseits wird Asthmatikern Sport empfohlen. Aber gerade die kalte Luft beim Wintersport macht es ihnen oft sehr schwer, weil sie einen zusätzlichen Reiz auf die Bronchien ausübt.

Bei Schwimmer*innen können die chlororganischen Verbindungen Asthma auslösen – durch das Atmen direkt über der Wasseroberfläche. Sie nehmen die Sprays deshalb oft vor dem Start.

Was ist mit Glucokortikoiden?

Diese Entzündungshemmer dürfen während der Trainingsphase therapeutisch eingesetzt werden – im Wettkampf aber nicht. Andere Substanzen etwa aus der Gruppe der Hormon- und Stoffwechselmodulatoren sind immer verboten. Der Missbrauch von Entzündungshemmern und Schmerzmitteln ist inzwischen sein echtes Problem – bei Sportlern wie Nicht-Sportlern.

Gen- und Zell-Doping ist verboten, die Einnahme von Entwässerungsmitteln, die Manipulation von Blut oder Blutbestandteilen. Letzteres wurde durch den Radsport bekannt. Warum ist es Doping, wenn ich mir nach dem Höhentraining Blut abnehmen lasse und es einfriere und es mir vor dem Wettkampf wieder zuführe?

Eigenblut-Doping ist nicht nur leistungssteigernd, sondern auch gefährlich. Nach der Blutentnahme bilden sich im Körper wieder neue rote Blutkörperchen. Sie sind für den Sauerstofftransport im Köper verantwortlich, das bedeutet: mehr Erythrozyten – mehr Sauerstoffaufnahme.

Wenn ich vor einem Wettkampf früher entnommenes Blut wieder zuführe, habe ich mehr Erythrozyten als normal, und die machen das Blut dicker. Durch einen zusätzlichen Flüssigkeitsverlust beispielsweise bei Ausdauersportarten konzentriert es sich weiter, und Thrombosen drohen.

Mit der Doping-Kontrolle wollen wir einerseits Fairness im Sport gewährleisten. Anderseits geht es aber auch darum, die Athlet*innen vor der Versuchung zu schützen, sich gesundheitlich massiv zu gefährden!

Gibt es neue Trends beim Doping?

Nicht viele. Die größte Änderung der vergangenen Jahre ist, dass nun Kobalt, Argon und Xenon auf der Dopingliste stehen. Erstmals also chemische Elemente. Vorher waren es nur Moleküle. 2019 sollen Skispringer Helium vor dem Start eingeatmet haben, um besondere Weiten zu erreichen. Dies fiel jedoch bereits durch ihre hohe Stimme auf. Edelgase wie Argon und Xenon suggerieren dem Organismus Sauerstoffmangel, was die Bildung des körpereigenen Hormons Erythropoetin anregen könnte.

Ob das wirklich eine Leistungssteigerung bewirkt, ist meines Erachtens fraglich, wie auch bei manchen anderen Substanzen auf der Liste. Aber man darf natürlich auch den Placeboeffekt nicht außer Acht lassen.

Wie meinen Sie das?

Allein zu wissen, dass ich etwas eingenommen habe und die anderen nicht, bringt möglicherweise psychologisch so viel, dass es tatsächlich etwas bringt – selbst wenn die Substanz selbst wirkungslos ist.

Wie viele Proben werden bei diesen Olympischen Spielen positiv sein?

Schwer zu sagen. Im Jahresmittel werden ein bis drei Prozent der Proben als positiv klassifiziert. Wer betrügen will, weiß aber, dass er oder sie während der Spiele kontrolliert werden kann – und dopt dann eher im Vorfeld der Spiele. Die Quote könnte also niedriger sein.

Die Fragen stellte Catarina Pietschmann